«Wir wollen für alle etwas bieten!»

    Werfen wir einen Blick zu unserem westlichen Nachbarn, der auch eine ganze Reihe an zauberhaften Schlössern zu bieten hat: Ein ganz besonderes Schloss der «gnädigen Herren von Bern» ist das Schloss Thunstetten. Nach einem erfolgreichen Start im April ist das «Versailles en minature» mit zusätzlichen offenen Schlosstage in eine spannende Saison gestartet. Ein Blick hinter die Kulisse barocker Baukunst zeigt, welche Bedeutung das Berner Landschloss hat. Betriebsleiterin Tanja Oldag, Kuratorin Jana Fehrensen und Präsident der Stiftung Michael Schär, über den historischen Stellenwert, den Wandel der Stiftung, die Sonderausstellung sowie das diesjährige Programm.

    (Bilder: zVg) Ein Bijou: Schloss Thunstetten im Oberaargau ist eine einzigartige Verbindung von fürstlicher Pracht und ländlicher Einfachheit.

    Schloss Thunstetten ist ein Schloss für alle. Was steckt hinter diesem Credo?
    Michael Schär: Wir wollen für alle etwas bieten. Dies erreichen wir, indem wir verschiedene Veranstaltungen machen, welche sich entweder an verschiedene Altersklassen richten oder für alle Altersklassen etwas bieten. So gibt es zum Beispiel ein Kinderprogramm, an welchem die Erwachsenen aber im Schlosscafe verweilen können. Natürlich ist das Schloss für Erwachsene jeden Alters auch mietbar, so dass jeder seine eigene Veranstaltung durchführen kann.

    Welche Bedeutung hat das Berner Landschloss kulturhistorisch für den Kanton Bern sowie die Schweiz?
    Jana Fehrensen: Schloss Thunstetten ist ein herausragendes Beispiel barocker Baukunst in der Schweiz und spielte im Kanton Bern eine Vorreiterrolle bei der Einführung des französischen Baustils im Stil Ludwigs XIV. Es wurde zwischen 1713 und 1715 im Auftrag des bekannten Berner Patriziers Hieronymus von Erlach nach Plänen des berühmten Pariser Architekten Joseph Abeille erbaut und ist das erste Barockschloss des Typs «Palais entre Cour et Jardin» auf bernischem Boden. Es verkörpert in vorbildlicher Weise die architektonischen und ästhetischen Ideale seiner Zeit und orientiert sich deutlich an der Mutter aller Barockschlösser, dem Schloss Versailles bei Paris. Damit steht «das kleine Versailles» im Oberaargau in einer illustren Reihe mit Schlössern wie Sanssouci, Herrenchiemsee, Charlottenburg oder Karlsruhe. Schloss Thunstetten diente in Bern als Vorbild für zahlreiche Um- und Neubauten dieser Zeit, so auch für zwei weitere für Hieronymus von Erlach errichtete Repräsentationsbauten, Schloss Hindelbank (1721–1725) und den Erlacher Hof (1745–1752), den heutigen Sitz des Berner Stadtpräsidenten.

    Was ist charakteristisch für das Barockschloss?
    Jana Fehrensen: Typisch für ein Barockschloss ist eine dem absolutistischen Weltbild entsprechende Inszenierung: Alles konzentriert sich auf das Machtzentrum, den König oder Fürsten und seine Prachtentfaltung. Die Architektur ist symmetrisch um dieses Zentrum angeordnet, so auch im Schloss Thunstetten. In einem typischen Barockschloss sind die Innenräume grosszügig bemessen und kunstvoll ausgestattet, um den Eindruck von Macht und Pracht zu verstärken. Der Festsaal in Thunstetten mit seiner prächtigen Wandvertäfelung und den symmetrisch angeordneten Kaminen und Spiegeln ist ein gutes Beispiel dafür. Die Räume und ihre Decken sind häufig mit dekorativen Malereien geschmückt, die oft mythologische oder religiöse Szenen darstellen. Schloss Thunstetten besitzt nicht weniger als fünf Gemälde des bekannten Zuger Barockmalers Johannes Brandenberg, die das Leben und Wirken von Hieronymus von Erlach im Reigen der antiken Götter darstellen.
    Barocke Schlösser sind oft von weitläufigen, streng geometrisch angelegten Gärten umgeben. Auch hier ist Schloss Thunstetten mit seinem gepflegten Park und dem zentralen Wasserbecken ein gutes Beispiel. Schloss Thunstetten ist eine einzigartige Verbindung von fürstlicher Pracht und ländlicher Einfachheit.

    Wie sind Sie in die diesjährige Saison gestartet?
    Tanja Oldag: Der Start am 28. April war einfach wunderbar. Der Umzug des Schlosscafés in den Festsaal ist zwar ein ziemlicher Aufwand. Aber die Freude, wenn die Gäste Kaffee und feine selbstgemachte Kuchen und Torten in dieser schönen Umgebung geniessen, ist es absolut wert.

    Die guten Geister von Schloss Thunstetten (v.l.): Betriebsleiterin Tanja Oldag, Kuratorin Jana Fehrensen und Präsident der Stiftung Michael Schär.

    Wieso lohnt es sich, die Dauerausstellung zu besuchen?
    Jana Fehrensen: Das Museum gibt einen Einblick in die 300-jährige Geschichte des Schlosses. Im Mittelpunkt stehen die schillernde Persönlichkeit des Hieronymus von Erlach und die letzte Besitzerfamilie Le Grand, die das Schloss über 100 Jahre bis 1970 bewohnte. Die Ausstellung ist nicht nur visuell ansprechend gestaltet, sondern dokumentiert auch umfassende Informationen und Geschichten über die Bewohner des Schlosses im historischen Kontext. Sie bietet neben wertvollen Zeitdokumenten auch den subtilen Einsatz moderner interaktiver Technologien wie z.B. einer 3D-Fotoshow. Die Dauerausstellung wird regelmässig durch thematische Sonderausstellungen im Kabinettformat ergänzt. Nach den Langenthaler Porzellangeschichten und den Highlights aus der Kunstsammlung der Stadt Langenthal widmet sich die aktuelle Sonderausstellung dem Thema «Kräuterfrauen, Hebammen und Hexen». Den Museumsbesuch kann man bei einer duftenden Tasse Kaffee oder einem Glas Wein im Schlosscafé ausklingen lassen. Ein Besuch lohnt sich also nicht nur für Geschichtsinteressierte und Kunstliebhaber, sondern für alle, die die Schönheit der Schweizer Kultur, Architektur und Geschichte schätzen.

    Kürzlich wurden die Gemälde, unter anderem das grosse Deckengemälde, im Festsaal renoviert. Was bedeutet dies für Schloss Thunstetten?
    Michael Schär: Kulturhistorisch sind die Decken- und Wandgemälde von Johannes Brandenberg sehr bedeutend. Er war während des Barocks der Star unter den Malern und schweizweit unterwegs. So bemalte er etwa verschiedene Teile des Stifts Einsiedeln. Dementsprechend zentral und wichtig sind die Gemälde für das Schloss Thunstetten. Durch die Renovation erstrahlen die Gemälde wieder in neuem Glanz. Dabei sind Details hervorgekommen, die man unter der dunklen Firnis-Schicht nicht mehr erkennen konnte.

    Ein besonderes Bijou ist der Park. Was bietet er den Besuchern?
    Tanja Oldag: Der Park im Schloss Thunstetten bietet ein grünes Paradies der Ruhe. Die Morgen- und Abendstunden sind speziell zauberhaft. Der Park ist in der Regel öffentlich zugänglich, ausser wenn private Anlässe stattfinden.

    Auf Schloss Thunstetten finden zahlreiche Veranstaltungen unter anderem Hochzeiten statt. Wie viele Hochzeiten sind es jährlich und wieso ist das Schloss so beliebt dafür?
    Tanja Oldag: Zählt man die Ziviltrauungen hinzu, wurden im letzten Jahr 70 Hochzeiten im Schloss gefeiert. Die Feiermöglichkeiten zeigen sich sehr individuell, jedoch ist der Trend zu den freien Trauungen mit anschliessenden Hochzeitsapéro deutlich spürbar. Und hier bietet das Schloss mit dem Park und mit dem Festsaal eine stilvolle und zauberhafte Kulisse für den schönsten Tag im Leben.

    Wer sind die vielen Helferinnen & Helfer, die hinter den Kulissen mitwirken?
    Tanja Oldag: Unsere freiwilligen Helferinnen und Helfer sind Schlossfans, die Freude daran haben, das Schloss bekannt und erlebbar zu machen. Wir haben das Glück auf ein grossartiges Team zählen zu dürfen, denn ohne die vielen helfenden Hände, sind unsere offenen Schlosstage und die eigenen Anlässe, wie zum Beispiel der Barocktag, nicht durchführbar. Der Austausch unter den Helfenden ist sehr bereichernd, wir lernen viel voneinander und auch das Gesellschaftliche kommt nicht zu kurz. Wir freuen uns natürlich immer, wenn wir neue Persönlichkeiten als Helfende für unsere zahlreichen Anlässe in unser Team aufnehmen können.

    Wie viele Besucherinnen und Besucher haben Sie unter normalen Umständen und was erwarten Sie in dieser Saison?
    Tanja Oldag: Im 2023 war das Museum und das Schlosscafé an 14 Tagen geöffnet und wir durften im Museum knapp 500 und im Schlosscafé sogar über tausend Besucherinnen und Besucher begrüssen. Für das Jahr 2024 hoffen wir nochmals eine Steigerung der Besucherzahlen, denn wir haben zehn zusätzliche, also insgesamt 24 offene Schlosstage geplant. Neu haben wir während der Saison vom Mai bis Oktober den 1. Mittwochnachmittag im Monat geöffnet und das Schloss steht zur freien Besichtigung zur Verfügung. Bisher waren «nur» das Museum, die Ausstellung und das Schlosscafé geöffnet. Es lohnt sich also nun noch mehr, Schloss Thunstetten an einem offenen Schlosstag zu besuchen.

    Haben Sie besondere Pläne oder Projekte für die nächsten Jahre?
    Michael Schär: Die Stiftung Schloss Thunstetten steckt in einem Wandel und will sich noch mehr der Öffnung widmen. Es steht die Überarbeitung des Museums an. Es soll in die Räume des 1.OG des Hauptgebäudes umziehen. Unser breites Programm mit den diversen eigenen Veranstaltungen wollen wir natürlich beibehalten. Ebenso sollen die Räume weiterhin mietbar bleiben, damit weiterhin unvergesslich Feste, Hochzeiten oder Firmenanlässe gefeiert werden können.

    Interview: Corinne Remund


    Schloss-Sonntag am 23. Juni

    Am Schloss-Sonntag am 23. Juni von 13 bis 17 Uhr besteht die Möglichkeit, das Schlossmuseum und die neue Kabinettausstellung «Wurzeln der Weisheit: Geschichten von Kräuterfrauen, Hebammen und Hexen» zu besuchen. Für das leibliches Wohl ist bestens gesorgt: Im Schlosscafé erwarte das Schlossteam die Gäste mit hausgemachten Kuchen und frisch gebrühtem Kaffee. Zur Entspannung lädt auch der Schlosspark mit seinem herrlichen Ausblick auf Bützberg und die Jura-Kette ein.

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